Krimis für euch!
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Man kann nur einmal sterben

von Marvin

Hier gibts Spannung pur! Unbedingt lesen!

 

  Es war wieder einer dieser schrecklichen Tage, an dem mein Kater Elvis mich um vier Uhr morgens mit seiner „zarten Stimme“ aus dem Schlaf riss. Ich drehte mich noch mal um und stellte mich tot, doch dieses dumme Vieh hatte nichts Besseres zu tun als auf mir herumzutrampeln und mich so zum Aufstehen zu zwingen. Meine heftigen Kopfschmerzen erinnerten mich daran, dass ich es gestern mit dem Rauchen und Trinken wohl etwas übertrieben hatte. Also schleppte ich meinen Körper mühsam in die Küche und nahm zwei Dosen aus dem Kühlschrank. Die eine Dose füllte ich in Elvis Fressnapf und die andere aß ich mit einer Scheibe Brot zum Frühstück. Die Sülze schmeckte an diesem Morgen etwas merkwürdig. Als ich auf das Etikett der Dose schaute, fiel mir auf, dass ich das Katzenfutter gegessen hatte. Elvis schaute mich dagegen mit seinen großen Augen sehr zufrieden an. Es sah fast so aus, als ob er grinsen würde. Ich trank noch eine Tasse Kaffee, rauchte eine Zigarette, röchelte vor mich hin und beschloss, unter die Dusche zu gehen. Als ich dann im Badezimmer war, kam auch noch kaltes Wasser aus dem Wasserkran. Deo musste heute reichen. Aus dem Kleiderschrank holte ich mir frische Wäsche, zog mich an, und ging in die Küche um die Zeitung zu lesen. Es stand, wie immer, nichts Interessantes drin. Dann bemerkte ich auch noch, dass meine Zigarettenschachtel leer war. So zog ich meine Jeansjacke an und machte mich auf den Weg zum Zigarettenautomaten. Frustriert stellte ich fest, dass der Automat leer war und dann fing es auch noch an zu regnen. Als ich wieder zu Hause war, sah ich meinen Kater, wie er auf meinem Bett gemütlich ein zweites Nickerchen machte. Ich dachte laut: „Dies ist der schlechteste Tag in meinem ganzen Leben….“ Als Ich gerade versuchte meinen blöden Kater vom Bett zu scheuchen, klingelte das Telefon. Wütend hob ich ab, es war mein Chef Hauptkommissar Fischer: „Hallo Dean, ich habe einen Auftrag für dich! Es geht um den Schokoladenfabrikanten, Walter Rehbein. Er ist heute Morgen tot aufgefunden worden. Erstochen und erschossen! Meine Abteilung ist überlastet, du bist der einzige freie Mann, den ich noch habe. Schau dir den Tatort doch mal an, der Gerichtsmediziner ist noch da.“ „OK, Robert. Ich hatte gerade sowieso nichts Besseres vor.“ Mit einem bösen Blick zu meinem Kater, zog ich mir die nasse Jeansjacke wieder an, suchte meinen Schlüsselbund und fand ihn in dem Schuh, den ich gerade anziehen wollte. Es hatte, Gott sei Dank, aufgehört zu regnen. Mit dem Ärmel trocknete ich den nassen Sattel von meinen Simpsonrollern ab und machte mich auf den Weg. Bei der Schokoladenfabrik angekommen, sah alles so aus wie immer. Anscheinend wusste selbst der Pförtner noch nichts vom Tod seines Chefs. Er erklärte mir freundlich den Weg in Walter Rehbeins Büro. Dort angekommen begrüßte mich ein sehr nervöser Chauffeur an der Tür. Er hatte Herrn Rehbein gefunden. Er schilderte mir, dass er wie üblich, seinen Chef um 8 Uhr abholen wollte um ihn zu seinem Lieblingscafe zu fahren, in dem Herr Rehbein am liebsten frühstückte. Die Sekretärin kam morgens immer erst um 10 Uhr, da Herr Rehbein es liebte morgens im Büro alleine zu sein, zu frühstücken und dann in aller Ruhe mit der Arbeit zu beginnen. Als er die Bürotür öffnete, sah er seinen Chef zusammengesunken am Schreibtisch sitzen mit dem Kopf in einer Blutlache auf der Schreibtischplatte. Er ging um ihn herum um die Polizei anzurufen und bemerkte, dass er auch ein Messer im Rücken hatte. Das alles erzählte er mir sehr hastig und ohne dass ich ihn danach gefragt hätte. Ich schaute ihn mir mal genauer an. Sein Haar war wirr und verschwitzt, seine Hände zitterten, seine Uniform war sehr sauber und ordentlich, aber unten am rechten Hosenbein bemerkte ich, kaum sichtbare kleine Flecken, die aussahen wie Spritzer irgendeiner Flüssigkeit. Ich dankte ihm höflich für seine Aussage. Dann ging ich ins Büro hinein und sah mir die Leiche an. Herr Rehbein war so Mitte 40, nicht besonders groß und übergewichtig. In seiner Stirn war ein kleines Loch und in seinem Rücken steckte ein langes Küchenmesser. Unter seinem Mund auf der Schreibtischunterlage hatte sich eine kleine Pfütze Speichel gebildet. Dr. Mauer, der Gerichtsmediziner, erklärte mir, dass der Tod so in etwa zwischen 20 und 22 Uhr eingetreten sein musste. Seltsamerweise sei der Tote aber erst ca. 1 Stunde, nachdem er erstochen worden war, erschossen worden. Genaueres aber würde die Obduktion zeigen. Dem Opfer gegenüber an der Wand befand sich der Tresor. Die unbeschädigte Tür stand offen und er war restlos ausgeräumt. Kampfspuren sah man keine, auch keine Spuren von gewaltsamem Eindringen. Der Tote musste also seinen oder seine Mörder gekannt haben. Ich bat den Gerichtsmediziner, eine Probe von dem Speichel mit ins Labor nehmen zu dürfen und ich ging hinaus, um mich noch mal mit dem Chauffeur zu unterhalten. Im Hinausgehen bemerkte ich einen Füller, der wohl vom Schreibtisch gerollt war und ein paar Tintenflecken auf dem Teppich hinterlassen hatte. „Herr Obermeier, was können Sie mir über Ihren Chef erzählen?“ „Oh, er war ein guter Chef, er hatte feste Gewohnheiten, ging auch mal gerne zu Fuß ins Büro. Auf unseren Fahrten erzählte er mir ab und zu auch private Dinge, worüber er sich freute, was er für Pläne hatte und worüber er sich ärgerte. Ich war für ihn eine Vertrauensperson. Sein Auto musste immer tipptopp sein! Kein Staubkorn innen und von außen, immer blitzblank. Meine Uniform musste auch immer perfekt sein. Wenn da mal was nicht in Ordnung war, konnte er schon mal unangenehm werden. Aber bei mir hatte er keinen Grund zur Klage.“ „Wissen Sie, ob er Feinde hatte?“ „Nun ja, Feinde? Nicht direkt, sein ehemaliger Geschäftspartner, Peter Hansen, war über seinen Rauswurf nicht gerade sehr erfreut, sein Bruder Norbert war neidisch auf seinen Erfolg. Ihn sah man hier eher selten. Und in seiner Ehe stand es auch nicht zum Besten. “ „Danke Herr Obermeier!“ „Gerne, Herr Roberts!“ Da hatte ich ja schon mal ein paar Informationen. Aber schon komisch, dass Herr Obermeier eine Hose mit Flecken anhatte, wo doch Herr Rehbein so viel Wert auf Sauberkeit legte. Ich rief meinen Kumpel Robert an. „Fischer?“ „Hallo Robert, das ist ja mal ein merkwürdiger Mord!“ „Deswegen habe ich dich angerufen. Du hast eine gute Nase für solche Sachen. Das haben wir doch schon damals in Amerika gemerkt, als du noch Hilfscop bei der New Yorker Polizei warst. Da hast du mir mit deinen Ermittlungen das Leben gerettet.“ Robert war als Tourist in Amerika und rein zufällig in einen Mordfall geraten. Er war der Hauptverdächtige, aber ich konnte ihm helfen, aus der Sache heil wieder raus zu kommen. Wir blieben in Kontakt und als ich von New York die Nase voll hatte, besorgte er mir den Job als verdeckter Ermittler in seiner Abteilung und nebenbei hatte ich noch eine kleine Detektei aufgemacht. „Wo wir gerade bei Nase sind. Der Tote liebte wohl Mandelparfüm?“ „Ich war kurz dort, der Geruch ist mir auch aufgefallen und was hast du sonst noch raus gefunden?“ „Der Chauffeur ist sehr nervös und konnte mir eine Menge über die Witwe, den Bruder und den ehemaligen Geschäftspartner von Walter Rehbein erzählen! Da werd ich mich jetzt mal drum kümmern. Weiß Frau Rehbein, dass sie Witwe ist?“ „Ja, die Beamten waren schon dort! Sie ist völlig aufgelöst und musste ein Beruhigungsmittel nehmen.“ „OK, Robert. Ich fahre gleich hin.“ Inzwischen schien sogar die Sonne, ich schwang mich auf meinen Roller und fuhr zur Villa Rehbein. Dort öffnete mir die Hausangestellte unfreundlich die Tür. „Frau Rehbein ist nicht zu sprechen, ihr geht es nicht gut.“ „Ich weiß, aber ich muss zu ihr! Es ist sehr dringend! Mein Name ist Dean Roberts!“ Sie führte mich in einen sehr eleganten Flur, der mit englischen Möbeln eingerichtet war. Ich traute mich kaum einzutreten. „Gut, Herr Roberts, warten Sie bitte hier!“ Zwei Minuten später war die Hausangestellte wieder da. „Frau Rehbein erwartet Sie im Salon!“ Ich folgte ihr und betrat den Salon. Frau Rehbein saß mir gegenüber auf einem sehr eintönigen, cremeweißen Sofa und ihr Gesicht hatte die gleiche Farbe wie der Sofabezug. Ich war überrascht! So eine schlanke und gut aussehende junge Frau hatte ich nicht erwartet. Sie knüllte ein Taschentuch in ihren Händen und bemühte sich um Fassung. Ein paar Tränen kullerten ihre Wange hinunter. „Mein Beileid, Frau Rehbein!“, sagte ich. „Es tut mir sehr leid, aber Sie müssen mir ein paar Fragen beantworten!“ „Ja, natürlich Herr Roberts, ich werde es schon schaffen! Was möchten Sie wissen?“, schniefte sie. „Wie sah es mit ihrer Ehe aus, Frau Rehbein?“ „Walter war so ein guter, lieber Mann! Er hat mich auf Händen getragen! Es war Liebe auf den ersten Blick! Was mache ich bloß ohne ihn?“ Sie fing wieder heftig an zu weinen. Ich versuchte sie zu beruhigen und fragte: „Hatte Ihr Mann Feinde, Frau Rehbein? Wer wusste die Kombination vom Tresor?“ „Ja“, sagte sie. „Mein Mann hatte Feinde! Peter Hansen, sein ehemaliger Geschäftspartner, hat Walter betrogen und so hat Walter ihn entlassen. Peter hatte Gelder unterschlagen, aber Walter hat ihn nicht angezeigt, er war so ein guter Mensch. Trotzdem ist Peter sehr wütend nach dem Rauswurf gewesen und hat gesagt, er würde sich schon noch rächen. Er wusste auch die Kombination vom Tresor. Sein Bruder Norbert war immer neidisch auf Walter. Wie oft hat er meinen Mann um Geld gebeten für seine aussichtslosen Ideen! Walter hat ihm irgendwann nichts mehr gegeben und seit dem haben wir nichts mehr von ihm gehört.“ „Danke, Frau Rehbein, nur noch eine Routinefrage, wo waren sie gestern zwischen 20 und 22 Uhr ?“ „Ich hatte Migräne! Meine Hausangestellte brachte mir eine Schlaftablette und um halb acht ging ich ins Bett. Als ich heute Morgen aufwachte, dachte ich, Walter wäre schon im Büro, er steht immer sehr früh auf, doch dann sagte mir Luise, dass er die ganze Nacht nicht zu Hause war und in dem Moment riefen ihre Kollegen an.“ „Gut, Frau Rehbein, dann will ich nicht länger stören. Ich melde mich, wenn ich etwas Neues weiß.“ Ich verließ den Salon und ging durch den Flur zur Tür, als mich plötzlich Luise am Arm festhielt und mir zuflüsterte: ,,Frau Rehbein kann doch froh sein, dass sie den Tyrannen los ist!“ Ich spitzte meine Ohren! „Wie meinen Sie das, Luise?“ „Herr Rehbein hat sie doch kaum vor die Tür gelassen! Jeden Euro, den sie ausgab, musste sie ihm erklären, dabei verdiente Herr Rehbein doch wirklich genug! Vor einem Jahr hatte er eine Fischvergiftung, da haben wir schon gedacht, jetzt ist es aus mit ihm, aber er hat es überlebt und ist noch gemeiner und geiziger geworden. Seine Frau musste erst alles probieren, bevor er etwas gegessen hat!“ „Luise, vielen Dank für Ihre Informationen! Sie haben mir sehr geholfen!“ Interessant! Die Schöne und das Biest! Ich wollte erst alle Informationen sammeln, bevor ich mich dransetzte das Puzzle zu lösen. Ich meldete mich bei Robert. „Hi Robert, zwei Verdächtige habe ich schon! Frau Rehbein spielt die trauernde Witwe, aber die Hausangestellte erzählte mir etwas ganz Anderes. Hast du die Adresse von dem Bruder des Toten?“ ,,Ja, er wohnt im Norden der Stadt, Grüne Str. 15, in dem runtergekommenen Viertel!“ „Gut , mal sehen, was der mir zu erzählen hat, ich melde mich später noch mal.“ Grüne Str. . Das war so ziemlich die ekelhafteste Straße in unserer Stadt. Ich fühlte in meiner Jackentasche und vergewisserte mich, dass ich meine Knarre dabei hatte. Hausnummer 15 war ein sehr heruntergekommenes Gebäude. Es gab keine Klingelknöpfe mehr, aber die Haustür stand auf! Ein kleines Mädchen saß auf den Treppenstufen und sie konnte mir sagen, in welchem Stock Norbert Rehbein wohnte. Im Treppenhaus hörte ich schon laute Musik. Es war das Lied „Oh happy day!“ Es kam aus der Tür von Herrn Rehbein. Ich musste 4-mal laut klopfen, bevor er mir mit einem breiten Grinsen die Tür öffnete. „Ich kaufe nichts an der Tür, aber vielleicht versuchen Sie es in 4 Wochen noch mal.“ Als er die Tür schließen wollte, stellte ich schnell meinen Fuß dazwischen. „Mein Name ist Dean Roberts, ich bin Ermittler beim Morddezernat. Wir müssen uns unterhalten!“ „Morddezernat, was hab ich damit zu tun?“ „Bitte nicht hier im Treppenhaus, lassen Sie uns drin weiterreden!“ Immer noch lächelnd ließ mich Norbert in seine Wohnung. Aus der Küche kam mir ein süßlicher Geruch entgegen, er erinnerte mich an irgendwas, aber es fiel mir nicht ein. ,,Herr Rehbein, es tut mir leid, aber ich muss Ihnen mitteilen, dass Ihr Bruder gestern in seinem Büro gestorben ist.“ „Nein, das kann doch nicht sein! Ist er ermordet worden?“ „Wie war Ihr Verhältnis zu Ihrem Bruder?“ „Nun ja, es war nicht immer gut, aber vor zwei Wochen haben wir uns mal richtig ausgesprochen. Es war wieder alles in Ordnung zwischen uns. Ich sollte in seinem Labor sogar einen Job bekommen. Ich bin Chemielaborant. Und gar kein schlechter!“ „Hatte Ihr Bruder Feinde?“ „Davon weiß ich nichts! Wie ist er denn gestorben?“ „Das wissen wir noch nicht so genau. Entweder er starb an dem Kopfschuss oder an dem Messerstich.“ „Kopfschuss? Messerstich? Wovon reden Sie überhaupt?“ „Von Mord, Herr Rehbein!“ „Das kann nicht sein, das ist unmöglich…“ „Wieso Herr Rehbein?“ „Äh, - ich meine, wie kann man bloß einen Menschen umbringen? Ist das nicht grauenhaft?“ „Sicher, das ist Mord immer. Wenn Ihnen noch was einfällt, können Sie mich ja anrufen! Hier, meine Karte.“ Er nahm sie mit zitternden Händen, schaute mich glasig an und begleitete mich zur Tür. Ein merkwürdiger Mensch. Jetzt stand nur noch Herr Hansen auf meiner Liste. Robert hatte mir gesagt, er hätte einen kleinen Süßigkeitenladen am Marktplatz im Zentrum. Also fuhr ich dort hin. Das Geschäft machte einen guten seriösen Eindruck von außen. Als ich eintrat, bimmelte eine kleine Glocke an der Tür und eine krächzende Stimme sagte: „Guten Tag, was kann ich für sie tun?“ Erschrocken schaute ich mich um und sah einem Papagei direkt in die Augen, der sein Gefieder aufplusterte, den Kopf schief legte und mit der gleichen freundlichen, kratzigen Stimme „Scheiße!“, zu mir sagte. „Oh, entschuldigen Sie bitte, sein Vorbesitzer war wohl nicht sehr wählerisch bei der Wahl seiner Worte. Ist mir das peinlich, aber Cora hat ab und zu noch solche Rückfälle! Was kann ich für Sie tun?“ „Mein Name ist Dean Roberts von der Kriminalpolizei. Herr Walter Rehbein ist heute Morgen tot aufgefunden worden. Ich ermittle deswegen. Sie waren Walter Rehbeins Geschäftspartner?“ „Ja, das stimmt. Ist aber schon ein paar Jahre her! Wir hatten eine kleine Meinungsverschiedenheit und ich verließ das Unternehmen. Mein eigenes Geschäft läuft gut und ich bin zufrieden mit meinem Leben!“ „Ich habe gehört, dass diese Meinungsverschiedenheit gar nicht so klein war, sie sollen Herrn Rehbein Rache angedroht haben?“ ,,Daran kann ich mich nicht erinnern. Könnte schon sein, dass ich so was gesagt habe. Ich fühlte mich zu Unrecht beschuldigt. Ich sollte Geld unterschlagen haben, aber es kam nie zur Anzeige. Alle meine Bemühungen, die Sache aufzuklären, wurden von Herrn Rehbein vereitelt. Mein Ruf als seriöser Geschäftspartner war ruiniert. Hätte ich nicht zufällig zum gleichen Zeitpunkt eine Erbschaft gemacht, wäre ich wohl auf der Straße gelandet. Aber so habe ich schnell wieder auf meinen eigenen Füßen gestanden.“ „Keine Rachegedanken mehr?“ „Nein, ich bin zufrieden wie es jetzt ist.“ „Hatte Herr Rehbein Feinde?“ „Bestimmt, seinen Chauffeur zum Beispiel. Den benutzte Walter als Fußabtreter für seine schlechte Laune. Das war sein Sandsack. Warum der immer noch für ihn gearbeitet hat, weiß ich nun wirklich nicht. Und sein Bruder! Der wollte immer Geld von Walter. Walter hat ihm das eine oder andere Mal geholfen, aber nicht ohne ihn als Niete, Idiot oder Versager zu bezeichnen. Norbert war für Walter eine lästige Fliege. Dabei hätte er ihn gut in seinem Labor gebrauchen können, aber die beiden waren wohl zu verschieden. Und seine Frau Sabine: Bevor sie geheiratet haben, war sie eine Schauspielerin in irgendeinem Vorstadttheater. Walter brauchte eine gut aussehende Frau zum Vorzeigen, eine, die nicht ganz so schlau war, damit sie sich nicht in seine Geschäfte einmischte, das mochte Walter nicht. Er war bis zur Hochzeit die Liebenswürdigkeit in Person, dann durfte sie nur noch zu offiziellen Anlässen das Haus verlassen. Sie war seine Sklavin. Sie sagte einmal zu mir, dass sie Angst hätte, nie wieder aus dieser Hölle heraus zu kommen. Aber dann hat Walter mich rausgeschmissen und ich hatte zu beiden keinen Kontakt mehr.“ „Herr Hansen, wo waren Sie gestern zwischen 20 und 22 Uhr?“ „Zu Hause, ich habe mir einen Krimi im Fernsehen angesehen.“ „Gibt es dafür Zeugen?“ „Nein, leider nicht, bin ich verdächtig?“ „Das war eine reine Routinefrage. Schönen Tag noch!“ „Mistkerl!“, verabschiedete mich der nette Papagei. Tja, da hatte ich also ein schönes Puzzle. Ich wollte erst mal nach Hause fahren und in Ruhe über alles, was ich heute gehört und gesehen hatte, nachdenken. Auf halber Strecke blieb mein Roller plötzlich stehen. Toll, ich hatte vergessen zu tanken! Also schob ich mein altes Schätzchen nach Hause und verfluchte meine Vergesslichkeit. Als ich meine Haustür aufschloss, schnurrte Elvis um meine Beine und legte mir eine tote Maus auf den Schuh. Er wollte sich wohl für das leckere Frühstück am Morgen bedanken. Ich machte uns beiden eine Dose Fisch auf, entsorgte die Maus in der Mülltonne, machte mir eine Kanne Kaffee, kuschelte mich mit Elvis auf die Couch und dachte nach! Verdächtig waren sie alle. Und dann fiel mir wieder der süße Geruch in Norberts Wohnung ein. Das war doch der gleiche , den ich bei der Leiche gerochen hatte. Benutzten die beiden das gleiche Parfüm? Mit dem Gedanken schlief ich ein. Ich wachte ein paar Stunden später wieder auf, weil ich geträumt hatte, dass mich jemand mit Mandeln füttern wollte, dabei bin ich allergisch gegen Mandeln! Da bekam ich einen Geistesblitz. Arsen riecht wie Mandeln!! Ich musste sofort mit dem Gerichtsmediziner sprechen. Also schnappte ich mir das Telefon und wählte seine Nummer. Verschlafen kam es aus dem Hörer: „Mauer?“ „Dr. Mauer, wie weit sind Sie mit der Obduktion der Leiche?“ „Kann das nicht bis morgen warten?“ „Nein, ich verfolge gerade eine heiße Spur!“ „Na gut, dann versuche ich mal die Ergebnisse zusammenzufassen. Das Opfer ist vergiftet worden.“ „Mit Arsen?“, unterbrach ich ihn. „Woher wissen Sie das?“ „Ich habe eine feine Nase! Und weiter?“ „Das Gift ist ihm mit Schokolade zusammen verabreicht worden. Als es anfing zu wirken, sackte er über dem Schreibtisch zusammen. Das muss gegen 20 Uhr gewesen sein. Etwa eine halbe Stunde später ist er dann erstochen worden. Eine Stunde nach dem Messerstich wurde ihm die Schusswunde zugefügt.“ „Danke Doc, Sie haben mir sehr geholfen.“ Am nächsten Morgen klapperte ich die Apotheken in der Stadt ab und wurde fündig. Am Tag vor dem Mord hatte jemand, auf den die Beschreibung von Norbert passte, Arsen gekauft. Dann fuhr ich bei dem Chauffeur vorbei und bat um die Schlüssel des Wagens. Herr Obermeier konnte sie nicht finden und meinte, er hätte sie nach dem aufregenden Tag gestern wohl verloren. Wie gut, dass ich mich mit Autoschlössern auskannte. Mit einem Trick konnte ich die Beifahrertür öffnen und schaute im Handschuhfach nach, dort blinkte mich sofort ein langes blutiges Küchenmesser an. „Herr Obermeier, was hat das zu bedeuten?“ „Keine Ahnung!“, sagte Herr Obermeier bleich. „Das Messer vermisse ich schon seit ein paar Tagen! Ich weiß nicht, wie es dahin kommt! Das müssen Sie mir glauben!! Vielleicht hat es Frau Rehbein mitgenommen, als sie vor ein paar Tagen bei mir war, um mir Weihnachtskekse zu bringen.“ „Das wird die Spurensicherung herausfinden. Ich werde das Messer mitnehmen. Ich melde mich wieder bei Ihnen!“ Als Herr Obermeier wieder in seiner Wohnung war, schaute ich mir noch mal den Kofferraum an. In einer kleinen Seitenklappe fand ich eine Pistole mit Schalldämpfer. Ich steckte sie in einen Plastikbeutel in meine Jackentasche und versteckte mich hinter einem Gebüsch. Kurze Zeit später kam der Chauffeur sehr nervös aus seiner Haustür und begann hektisch im Kofferraum zu suchen. „Suchen Sie die hier?“, fragte ich. „Herr Obermeier, Sie sind verhaftet!“ „Ich sage nichts mehr ohne meinen Anwalt!“ „Den werden Sie auch brauchen!“ Mit der Pistole und dem Messer fuhr ich dann zur Wache und gab sie bei der Spurensicherung ab. Neugierig wartete ich auf die Ergebnisse. Die Wartezeit nutzte ich, um mich noch mal mit dem Pförtner über den Mordabend zu unterhalten. Er konnte mir noch ein paar Neuigkeiten erzählen, die ich aber schon vermutet hatte. Als ich den Bericht von der Spurensicherung hatte, bat ich Frau Rehbein, Norbert Rehbein, Herrn Obermeier (in Polizeibegleitung) und Herrn Hansen noch mal in das Büro des Opfers. „Sehr geehrte Damen und Herren! Ich habe den Mord aufgeklärt! Ich habe Sie hier her gebeten, da sie alle wissen sollen, wie sich das Drama abgespielt hat. Der Pförtner hat ausgesagt, dass er, als er nach Hause ging, Herrn Norbert Rehbein gesehen hat, als er das Gebäude betrat. Er wollte noch „Hallo!“ rufen, aber Herr Rehbein hatte es so eilig, dass er ihn wohl nicht mehr gehört hätte. Also ist schon mal sicher, dass Sie, Norbert, am Tatabend auf jeden Fall hier waren. Sie haben mir selbst gesagt, dass Sie ein guter Chemielaborant sind. In einer Apotheke in der Nähe Ihrer Wohnung ist ein paar Tage vor dem Mord Arsen gekauft worden. Der Apotheker hat Sie auf einem Foto wiedererkannt. Sie wollten Walter wohl eine neue Praline vorstellen, sonst hätte er Sie wahrscheinlich nie hereingelassen. Sie haben es sogar geschafft, dass er sie probiert und damit sein Todesurteil unterschreibt. Außerdem haben wir Fingerabdrücke von Ihnen hier im Büro gefunden. Frau Rehbein hat ausgesagt, dass Herr Hansen Rache geschworen hat, ein misslungener Versuch den Tatverdacht auf Herrn Hansen zu lenken. Das Messer im Auto zu verstecken war genauso dumm, da Sie doch ein paar Tage vorher Plätzchen zu Herrn Obermeier gebracht haben und dadurch ja offensichtlich Zugang zu dem Messer hatten. Ihre zur Schau gestellte Trauer hatte mich fast überzeugt, wenn mir Luise nicht so viel über Ihr Zusammenleben mit Ihrem Mann erzählt hätte. Herr Hansen konnte die Angaben von Luise nur bestätigen. Schauspielen können Sie, aber einen guten Mörder geben Sie nicht ab. Sie haben noch nicht mal gemerkt, dass Ihr Mann schon tot war, als Sie ihn erstochen haben. Herr Obermeier, Sie hatte guten Grund Ihren Chef zu hassen. Dass Sie abends noch mal im Büro waren, zeigten mir die Tintenflecke an Ihrem Hosenbein und auf dem Teppich. Hätte das Opfer Sie mit den Flecken auf der Hose gesehen, hätte er Sie sofort zum Umziehen geschickt. Das Fass ist wohl übergelaufen an jenem Abend und auch Sie haben nicht gemerkt, dass Herr Hansen nicht eingeschlafen, sondern schon tot war, als Sie ihn erschossen. Als Sie sich von Herrn Rehbeins Tod überzeugen wollten, sind Sie mit der Jacke an den Füller gestoßen, der zu Boden fiel und Flecken auf Ihrer Hose und dem Teppich hinterließ. Ihre Vorstellung vom Fund der Leiche am nächsten Morgen war auch nicht so perfekt. Schade für Sie, dass Sie sich nicht mal eine Abfindung aus dem geöffneten Tresor nehmen konnten, da sich Norbert schon bedient hatte. Ich habe gerade eine SMS erhalten, das Geld wurde in Ihrer Wohnung, Norbert, in einem Schrank in einem Geheimfach sichergestellt. Herr Walter Rehbein hatte sich die Seriennummern aufgeschrieben für den Fall eines Diebstahls. Der einzige Unschuldige sind Sie, Herr Hansen! Die bereitstehenden Polizisten werden Sie jetzt hinausbegleiten und wir, Herr Hansen, gehen erst mal einen trinken!! Als ich dann spät nachts nach Hause kam, guckte mich Elvis böse an, weil er sein Futter nicht rechtzeitig bekommen hatte. Das war ein schwerer Fehler, denn er hat mich dann zur Strafe die ganze Nacht wach gehalten.
 
 
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