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Nora kam gerade vom Friseur und wie immer, wenn sie bei „Helga“ gewesen war, schaute sie in alles, was auch nur ein wenig Spiegelfläche bot – sogar der große Löffel musste beim Abtrocknen dran glauben. Sie fühlte sich eben einfach super. „Bäh!“, zog Nora eine Grimasse, denn die Wölbung des Löffels erbrachte nicht gerade einen vorteilhaften Eindruck. Am Morgen hatte sie noch selbstgefärbte lange (und schon zu lange nicht mehr geschnittene) Haare gehabt. „Helga“ – das war der Friseursalon in der Stadt, nach dem man auch Fremde fragen konnte, denn bei „Helga“ arbeitete auch Dagmar, die es schaffte, jedes Mal wenn Nora kam, eine andere Variante an pinken Haaren zu tragen. Bei „Helga“ hätte man auch eine Dokuserie drehen können. Es war immer laut und lustig und als Nora hereingekommen war, hörte sie Dagmar nur brüllen: „Helga! Mülleimeralarm!“ Längst schon hatte sie die neue Frisur von Nora festgelegt. Die Frage „Rot oder Kupfer?“ war nur rhetorisch gemeint. Nora hatte zwar Friseurmagazine mitgebracht, aber es half alles nichts... Nun war sie also wieder zuhause, goldblonde und rote Strähnen im schokobraunen, gefransten Haar und hatte Dagmar versprechen müssen, sie auf jeden Fall anzurufen, wenn ihre Schüler das Ergebnis verdaut hätten.
Nora hörte Stimmen im Hinterhof, ihre Hündin Luna lag auf dem blauen Flickenteppich in ihrer riesigen Küche. Um den 2,20 m langen Küchentisch waren 8 Stühle gestellt. „Für Schneewittchen und die 7 Zwerge!“, lachte Nora oft. Sie hatte eben gerne Besuch und kochte leidenschaftlich ausgefallene Gerichte. Besonderen Spaß hatte sie an der Deko. Es konnte leicht vorkommen, dass das Brot die Form von Haifischen hatte oder man den Dessertlöffel zwischen Weihnachtsbaumkugeln herausangeln musste.
Nora war Kunst- und Deutschlehrerin, gelegentlich unterrichtete sie auch Musik oder Politik. Ansonsten war sie ein absoluter Medienfanatiker. Sie musste immer die neuesten Geräte haben und wo man nur hinstolperte in ihrer Wohnung – sie war komplett verkabelt. Im Moment standen gerade zwei Laptops auf dem Küchentisch und ein unüberschaubares Wirrwarr an Kabeln und Mehrfachsteckdosen, Routern und Splittern bedeckte den gefliesten Boden.
Nora war leidenschaftlich Lehrerin, nur Klassenbucheintragungen hasste sie wie die Pest. Ihre Klasse 7 war zwar der Schlunz in Person, aber ansonsten ganz in Ordnung. Natürlich gab es auch ihre Spezies. Diese fanden sich schnell direkt ums Pult versammelt auf den besonderen Plätzen wieder...
Jetzt war aber erst einmal Wochenende und Nora beschloss, in die Stadt zu gehen. Sie würde Luna mitnehmen, denn es waren nur kleine Erledigungen – genau genommen hätte sie überhaupt nicht in die Stadt gemusst.
Nora trank noch schnell ihren Cappuccino aus, schnappte sich den ipod und ihre Lederjacke, warf ihren Schal um, die 12 Stufen hinunter, den Schlüssel vom alten Passat geschnappt, die Tasche umgeschlungen und los!
Unterwegs orderte sie per Handy ihren Kumpel Eddie. Er spielte ab und zu den Hundesitter und konnte auch ziemlich gut kochen. Nora hatte einfach Lust, ihn mit ihrer neuen Frisur zu schocken und ein kleines Schwätzchen war auch nicht zu verübeln. Eddie passte also vor den Geschäften auf Luna auf und trug schmunzelnd von mal zu mal mehr Plastiktüten. Luna fiel ein, dass sie noch Leinwände für ihre Klasse kaufen könnte, na ja und so wurde es eben immer mehr...
Schließlich war Noras Portemonnaie bedenklich leicht geworden und sie musste sich ja schließlich auch noch auf die Schule vorbereiten. Also gabs eine kurze Umarmung und ab gings mit dem alten Passat wieder back zur good old Heimat.
Nora stürmte erst einmal in die Küche, warf wieder den Wasserkocher an und drückte, nachdem alle Taschen und Tüten so nach und nach auf den Treppenstufen im Eingangsbereich gelandet waren, ihre Anlage auf Tunerbetrieb. „Mist!“, murrte Nora. „Immer ist dieser verdammte Sender raus!“ Lag es vielleicht daran, dass das mickrige Antennenkabel um mehrere alte Terracotta-Blumentöpfe gewunden in ihrem Gewächshausschrank in der Küche wohl kaum eine Chance hatte, irgendwelche Signale aufzufangen – noch dazu, wo sie doch im Hinterhof in einem mehr oder weniger Sendeloch wohnte...???
Plötzlich rauschte es nur noch, dann ein Knacken, ein Quietschen „20-0-4-Einsatzzentrale-20-0-4“. Nora stockte der Atem. „Polizeifunk“, dachte sie. Dass es verboten war, wusste sie schon aber, ... es war auch sehr interessant. Ein breites Grinsen breitete sich auf ihrem sommerbesprossten Gesicht aus. „Der Abend ist gerettet!“, flötete sie Luna zu, die schon schwanzwedelnd mit dem typischen „Ich könnte mal einen leckeren Happen vertragen“-Blick vor ihr stand. Nora machte es sich vor der Anlage bequem und rutschte mit dem Stuhl näher heran.
Ein Röcheln erklang, und Nora verging das Smilen schlagartig. „Ja, Ja! Ich –krrrrrrrrrr- ich werde es tun. Ich werde dafür sorgen, dass du eines –krrrrrrrrrrrrrrrr-qualvollen Todes sterben krrrrrrrrrrrrrrr wirst!“ Nora zog sich ihren 7-Zwerge-Stuhl noch näher vor die Anlage, denn das Geräusch wurde immer leiser. Luna jaulte, denn sie merkte, dass irgendwas aber auch so gar nicht stimmte... „Krrrrrrrrrrrrr – ja, genau so! So habe ich es mir vorgestellt!!!! – Krrrrrrrrrrrrrr – Hahahahaha! Stirb! Du elende Kreatur!“ Nun ertönte ein gequältes Röcheln, ein Husten, plötzlich erstarb alles Leben in der Leitung. Nora saß da mit weit geöffneten Augen, der Mund stand offen. „Krrrrrrrrrrrrrrrr - Der BVB konnte seine Leistung mal wieder nicht abrufen, Brenska lieferte ein miserables Abwehrverhalten, das 0:1 die logische Konsequenz. Röber wollte dazu keine Stellungnahme abgeben. Das Bayernspiel 2 Wochen zuvor war wohl doch nur ein glücklicher Moment...“ Nora schaltete ab. Für Fußball interessierte sie sich in diesem Moment nun wirklich nicht. Das Wasser im Wasserkocher war schon wieder kalt und Nora hatte überhaupt keinen Plan, was sie nun machen sollte. Die Polizei anrufen? Aber es war verboten, den Polizeifunk abzuhören... Aber irgendetwas musste sie doch tun. Sie hatte soeben einen Mord mitbekommen – live!!!
Es klingelte an der Tür. Ihre Kollegin Kathi stand in der Tür. „Wolltest du mich nicht anrufen? Coole Frisur!“, sagte sie neugierig. „Hey, irgendwas nicht in Ordnung?“, setzte sie beunruhigt hinzu. „Hast du kurz Zeit?“, fragte Nora mit zittriger Stimme. „Was meinst du, gleich kommen noch Moni und Therés. Wir wollen ein Stück Pizza essen – selbstgemacht – komm doch auch dazu.“ Kathi war unter Noras Kolleginnen diejenige, die immer die neuesten Küchenmaschinen ihr eigen nannte und die mussten natürlich ausprobiert werden, was die Kolleginnen sehr genossen, denn somit gab es bei Kathi oft einen leckeren und dabei sehr gemütlichen Abend. Man saß zusammen, quatschte über dies und das und nahm sich immer vor, nicht die ganze Zeit über die Schule zu reden, was oft nur phasenweise gelang.
Nora stammelte: „Ich kann zwar bestimmt keinen Bissen runter kriegen, aber ich komme gerne. Ich brauche nämlich mehr als dringend euren Rat!“ Kathi rief noch im Gehen über den Hinterhof: „Du kannst Luna ruhig mitbringen!“ Nora ging erst mal wieder nach oben, trank ihren lauwarmen Cappuccino und nahm ihr schnurloses Telefon in die Hand. Sollte sie die Polizei anrufen? Nora hatte vor 3 Jahren mit dem Rauchen aufgehört – jetzt hätte sie gerne eine gequalmt. Aber sie hatte sich geschworen, dieser Versuchung auf ewig standzuhalten, denn sie kannte sich. Würde sie jetzt eine rauchen, dann würde sie wieder sofort mit einer Schachtel am Tag durchstarten – ne, ne.
Sie schnappte sich Luna, legte das Telefon weg, starrte noch einmal auf das Display ihrer Anlage und machte sich auf den Weg zum Rat der Freundinnen und vielleicht ja doch einem Stück Spinatpizza.
„Hi!“, kam es aus drei Mündern gleichzeitig und mit gespanntem Blinzeln. Kathi hatte Moni und Therés wohl vorgewarnt. „Du siehst gut und schlecht zugleich aus. Schieß los! Was gibt es?“, platzte Moni heraus.
Nora zeigte auf den Läufer, auf den sich Luna sofort legte. Es war schon Gewohnheit, immer in der Nähe der Heizung, immer in der Nähe des Essens, man konnte ja nie wissen...
Nora fühlte sich schlapp auf den Beinen. Kathi hielt ihr einen Milchkaffee vor die Nase. „Danke!“, stammelte Nora geistesabwesend. Sie setzte sich, schaute ihre Kolleginnen an, die vor Neugier zu platzen schienen und plötzlich sprudelte es aus ihr heraus: „Ich war bei einem Mord dabei!“ Moni, Kathi und Therés schrieen kurz auf. „Was?“ „Ne ehrlich?“ Ne, ne?” „Also nicht so direkt, also, ich habe es live gehört, es wurde jemand erdrosselt, jemand bekam keine Luft mehr, ein Stöhnen und ein Mann hat die ganze Zeit so einen Mist von sich gegeben wie >>Ja, genauso sollst du sterben!<< und so. Mir ist immer noch total schlecht. Ich kriege die Krise! Was mache ich denn jetzt?“ „Zur Polizei gehen!“, schrieen die Mädels wie im Chor. „Ja, aber...“, allmählich löste sich der Schockzustand und Nora fing an zu heulen, „ich habe doch Polizeifunk abgehört!“ „Du hast was?“, fragte Therés ungläubig. „Ja, es war Zufall, meine Anlage hat wieder gestreikt!“, schniefte sie. „Aber wieso läuft im Polizeifunk so was ab? Das verstehe ich nicht!“ Kathi war mal wieder voll die Analytikerin. Moni nahm Nora beherzt in den Arm. „Ich würde trotzdem hingehen. Das ist deine Pflicht und du wirst schon nicht so einen großen Ärger kriegen, bei so einer Sache bestimmt nicht!“ „Schließlich bist du eine Zeugin, sozusagen!“, pflichtete ihr Therés bei.
„Jetzt sofort?“, schluchzte Nora. Ihre Schminke war etwas verlaufen und ihre Augen ganz rotgerändert. „Bring es am besten gleich hinter dich. Wir bleiben solange hier und du kannst nachher Bericht erstatten!“ Nora ließ einen Stoßseufzer los und zog sich ihre Lederjacke an. Luna wollte natürlich mit. Nora schloss nachdenklich die Tür hinter sich. Das nächste Revier war ganz in der Nähe, doch diesmal hätte es ruhig weiter entfernt sein können, dachte Nora. Der Eingangsbereich war ganz im Stil der 50ger Jahre mit einem geschwungenen Vordach und einer doppelten Glastür mit ovalen zulaufenden Metallgriffen. Ein Polizist kam ihr mit der Mütze in der Hand entgegen. „Der Hund muss aber hübsch draußen bleiben!“, raunte er ihr zu. „Mist! dich habe ich ja ganz vergessen!“, murmelte Nora. Sie band Luna an einen Laternenpfahl. „Du bleibst schön hier!“ Etwas leiser ergänzte sie noch: „Geh bloß nicht mit einem Polizisten mit! Das sind die Schlimmsten!“ Luna setzte ihren „Immer muss ich draußen bleiben und darf nicht mit!“-Blick auf. Nora aber stapfte jetzt wild entschlossen die Treppen hoch, die Tür ließ sich schwer öffnen, dann direkt zu einem durchlöcherten Fenster, wo sie ein Mann über seine Brille musterte. Er schob sein Sudoku-Heft beiseite. „Was kann ich für Sie tun, Fräulein?“ Nora kochte vor Wut. „Ich möchte gerne eine Meldung machen!“ „Wurde vielleicht ein Fahrrad gestohlen? Dann Raum Nr. 203! Vermisstenmeldungen in Raum 204, alle Kraftfahrzeugangelegenheiten wie Unfälle etc. in Raum 205, ...“ „Ich möchte einen Mord melden!“, zischte Nora mit ihrem zuckersüßesten Lächeln. „Oh, ein Mord, na dann! Bitte in Raum 301! Im 3. Stock gleich links!“ Nora stiefelte die 3 Etagen hoch und ärgerte sich maßlos, dass man sich heutzutage immer noch solche Sprüche wie „Fräulein“ gefallen lassen musste!
Mit einer mittelschweren Wutfalte klopfte sie an die besagte Tür.
„Herein!“, ertönte eine junge Männerstimme. Nora holte noch einmal tief Luft und drückte dann die Klinke.
Sie sah einen Polizisten in ihrem Alter – zivil gekleidet am Schreibtisch hinter einem Computer und einen weiteren, der gerade dabei war die wenigen Blumen auf der Fensterbank zu gießen. Ein großes flaches Aquarium war an der Wand befestigt und ein Basketballkorb hing über einer weiteren Tür. So hatte sich Nora das Kommissariat nicht vorgestellt.
„Schneider, Kommissariat 02, was kann ich für Sie tun?“ Er reichte Nora die Hand. Hier wurde man also mit Handschlag begrüßt. Nora stammelte: „Krüger!“ und schaute auf den freien Platz. „Bitte setzen Sie sich doch!“ Er blickte zu seinem Kollegen und der Blick bedeutete zweierlei: Erstens: Was für eine tolle Braut! Zweitens: Kollege, geh kopieren oder mach was, aber lass mich mit ihr allein! Der Kollege erwiderte diesen Blick mit einem tiefsagenden Blick, grinste blöd von einem Ohr zum anderen und flötete: „Ich geh mal eben kopieren!“ Ein Zwinkern vervollständigte die unmögliche Situation. Nora wurde knallrot. „Wie kann ich helfen?“, fragte der Polizist, lehnte sich zurück, schob die Ärmel seines Kapuzenpullis hoch und schaute Nora mit durchdringenden blauen Augen an.
Nora hatte eine ganze Kloßkolonie im Hals. „Ich“, sie schluckte verlegen. „Soll ich uns einen Cappuccino machen?“ Er war bereits aufgestanden und hatte im Gehen zwei Tassen, zwei Pads und Löffel geschnappt. Sie sah nun nur noch seinen Rücken. Er sah durchtrainiert aus. Nora überlegte, hatte sie ihn nicht sogar schon mal gesehen? Wo war das gewesen? Er drehte sich um, reichte ihr den Cappuccino und Nora war froh, dass sie vor Aufregung noch in der Lage war, den Kaffeebecher auch entgegen zu nehmen.
„Ich habe einen Mord live mitbekommen“, stotterte Nora. Paul – so hieß der Polizist – blickte auf einmal sehr ernst und konzentriert. „Wann war das? Wo hat sich der Mord abgespielt? Schildern Sie bitte alles, an was Sie sich erinnern können!“ Nora setzte sich gerade und erläuterte alles so genau wie möglich, dass sie ein Stöhnen, ein Röcheln gehört hatte, die Äußerungen des Mörders, wie er sich angehört hatte, mit oder ohne Akzent und so weiter und so weiter. „Ja, das Ganze habe ich über den Polizeifunk mitgekriegt, erst kam so eine Funkdurchsage – 20-04 oder so!“ Nora nippte an ihrem Cappuccino. Paul blickte langsam hinter seinem Laptop auf. „Polizeifunk sagen Sie?“ „Ja!“ Der Polizist runzelte die Stirn: „Wir haben hier ein Fräulein sitzen, das Polizeifunk abhört?“ Seine Stimme wurde tiefer. „So, so! Das könnte Ärger geben. Ich muss mich jetzt glaube ich erst mal mit meinen anderen Fällen beschäftigen, aber ich könnte mit Ihnen den Fall zunächst nach Feierabend – sozusagen privat – durchgehen und wenn wir wissen, was dran ist, machen wir es offiziell, dann fällt der Ärger nicht so groß aus – denke ich.“ Er schob Nora eine Visitenkarte zu und verschränkte die Arme. Als Nora keine Anstalten machte zu gehen, stand Paul auf. Nora war etwas verwirrt, aber der Polizist wusste bestimmt, was das Beste in dieser Situation war.
Nun stand sie in der Dunkelheit, als ein leises Jaulen sie darauf aufmerksam machte, dass Luna auch noch da war. Wie in Trance machte Nora sie los und sich dann auf den Heimweg. Was war das eigentlich gewesen? Eine Anmache? Ein Rausschmiss? Beides? Sie war völlig verwirrt. Bei Kathi waren die Rollos schon runtergezogen und irgendwie hatte Nora das Gefühl, sie müsse nun erst einmal schlafen. Doch daraus wurde nichts. Mit düsteren Träumen wälzte sie sich im Bett und sah morgens entsprechend aus.
Eine ordentlich Ladung kaltes Wasser und der Spaziergang mit Luna rund ums Eck konnte man so in etwa als Erste Hilfe in diesem Zustand ansehen. Nach dem Kaffee gings mal wieder kurz vor knapp los. In der Schule war das übliche Treiben.
Fast hätte Nora vergessen, dass immerhin 20 Zentimeter und einiges an Farbe einen gehörigen Unterschied zum letzten Schultag darstellten. Ungläubig schauten sie einige Schüler an. Es gab jede Menge Komplimente. Nora wuchs gleich um 2 Zentimeter – bei 1,63 m immer gut. Nach 5 Stunden in verschiedenen Klassen gings in ihre eigene.
Gegen Ende des Unterrichtes fühlte sie bei der Suche nach einem Bonbon in ihrer Jackentasche, die sie über den Lehrerstuhl gehängt hatte, plötzlich die Visitenkarte.
Die Schüler bearbeiteten gerade eine schwierige Aufgabe. Sie konnte der Versuchung nicht widerstehen und zog sie heraus. Unauffällig las sie wieder das kleine Stück Papier und überlegte, wann der geeignete Zeitpunkt wäre um anzurufen.
Plötzlich ertönte das verstimmte Läuten der Schulglocke. „Ihr wisst ja, der Rest ist Hausaufgabe! Stellt die Stühle hoch und schaut noch mal, ob ihr etwas auf dem Boden entdeckt. Vorher verlässt kein Schüler die Klasse!“ „Macht nichts! Wir haben eh´ noch eine Stunde im Fachraum!“, witzelte ein manchmal etwas neunmalkluger Schüler. Nora verdrehte die Augen und schmunzelte. Sie zog ihre Jacke an und wollte gerade ihre Tasche umhängen, als ein weiterer Schüler sie ansprach. „Sie haben da was verloren.“ Er hielt ihr die Visitenkarte hin. Nora wurde rot. Pfeifend verließ die Klasse den Raum. Tja, das war´s dann wohl, dachte Nora. Schneller konnte man ein Gerücht nicht in Umlauf bringen. Der entsprechende Schüler drehte sich noch einmal um und sprach: „Ja, ja...!“
Nora schloss die Tür. Es war nicht mehr zu ändern und irgendwie hatte sie das Gefühl, dass es ihr vielleicht gefallen könnte, den Polizisten Paul Schneider etwas näher kennen zu lernen.
Auf dem Weg zu ihrem Auto holte sie das Handy aus der Tasche und wählte Schneiders Nummer. „Ja?“, kam es kurz angebunden. Nora war verunsichert. „Nora Krüger hier. Ich war gestern bei Ihnen wegen des Mordes.“ Irgendwie kam sie sich ziemlich bescheuert vor. Frau Ludwig – eine Kollegin – hatte wohl etwas mitbekommen. Sie wuchtete eine schwere Tasche in den Kofferraum ihres Wagens und fragte: „In welchen Film gehst du denn?“ Nora beschloss, nicht darauf zu reagieren. Sie konnte es nicht leiden, wenn man sich in ihre Privatangelegenheiten mischte. „Ach ja!“, kam es gedehnt und ein Gähnen folgte. „Ich hatte heute Nacht Dienst und der war echt mies!“, kam es aus der Leitung. Nora wurde rot im Gesicht. Sie erinnerte sich an eine schmalzige Fernsehserie und in ihrer Handinnenfläche war schon eine Rötung durch das Schlüsselbund entstanden, das sie förmlich vor Aufregung zerquetschte. „Tja, dann kann ich das ja wohl nur wieder gut machen, wenn ich Sie zu einem Latte Macciato einlade...“ Nora hielt den Atem an. „Ja, warum eigentlich nicht. Paul, nenn mich ruhig Paul.“ „Oh!“, flötete Nora. „Um 15 Uhr im Café Joker in der Berliner Straße.“ „OK!“, lachte Paul und ergänzte: „Dann können wir auch über den Fall sprechen.“ Nora fuhr nach Hause, drehte eine Runde mit Luna und machte sich einen Doppeldecker-Toast. Kurzentschlossen nahm sie Luna mit. Bis zur Berliner Straße war es von ihr aus nur ein 15minütiger Fußweg.
Paul war schon da. Er hatte ein kleines spätes Frühstück vor sich stehen und ... unter dem Tisch lag ein Golden Retriever. Luna war begeistert. Nach einigem Geschnüffel legte sie sich unter die Bank. „Darf ich vorstellen? Das ist Robert!“ „Luna!“ Beide mussten lachen. “Einen Latte Macciato, bitte!”, bestelle Nora. “Du bist ja schon versorgt.“ „Also, zu dem Fall!“, sprach Nora jetzt bestimmt. „Immer langsam!“, kaute Paul. „Ich meine, ich habe so Geräusche im Hintergrund gehört. Dem könnten wir vielleicht nachgehen. Wird eigentlich keiner vermisst oder so? Oder ist die Leiche schon gefunden worden?“ „Nein, das ist das merkwürdige!“, entgegnete Paul. Er grinste über sein Glas frisch gepressten Orangensaft hinweg. „Du nimmst die Sache gar nicht ernst“, beschwerte sich Nora.
„OK, was hast du denn gehört?“ Paul legte das Besteck weg und kramte einen Notizblock und einen Kuli heraus. „Es gab Tastaturgeklapper, eine Funksprechanlage und so ein Piepen wie im Wartezimmer, wenn die nächste Nummer dran ist.“ „Ok, das Ganze muss sich ja in deiner Nähe abgespielt haben, sonst gerät keiner in den Polizeifunk. Tastaturgeklapper hört sich z.B. nach der kleinen Redaktion von diesem Blättchen „Tipp“ an. Die haben doch so eine kleine umgebaute Tankstelle am Waldweg.“ „OK, wann kann´s losgehen?“ Nora war total aufgeregt. Sie sah sich schon mit Paul hinter einer Mauer mit Fernglas und Funkgerät... „Ich habe heute Nacht keinen Dienst. Wir sollten uns um 20 Uhr treffen. Dann ist in der Redaktion am meisten los – Endspurt sozusagen vor dem Redaktionsschluss. Die Hunde lassen wir aber zu Hause, ok?“
Nora hatte ihre schwarze Jeans, einen schwarzen Kapuzenpulli und Turnschuhe an. Paul kriegte einen Lachanfall. „Willst du unter die Nahkampfkrieger gehen?“ Nora tat beleidigt. Sie standen hinter einem niegelnagelneuen 7er BMW. „Cooles Auto!“, flüsterte Paul. „Wer kann sich denn bei „Tipp“ so was leisten?“ „Ja, das ist mehr als verdächtig!“, raunte Paul. Der Wagen hatte eine rote Nummer: 06853. „Ein Leihwagen?“, flüsterte Nora. „Nein! Es ist nur ein vorläufiges Nummernschild!“, kam die Antwort von Paul durch ein Funkgerät. Nora fands cool. Ein Mann, ziemlich dick und mit hochgeschlagenem Kragen, verließ die Redaktion. Er stieg in den Wagen. Nora hatte sich gerade noch hinter einer alten Pappel verstecken können. Mit einem lauten Aufheuler startete der Mann. Rückwärts mit quietschenden Reifen setze er zurück und raste dann in den Waldweg Richtung Innenstadt. Paul winkte Nora zu. Nora schaute sich mehrfach um. Schließlich hockten sie beide mit dem Rücken an die Wand gelehnt unter einem auf Kipp geöffneten Fenster. „Das kann so nicht weitergehen!“ „Ja, aber wir sind auf ihn angewiesen!“ „Und die Kohle!“ „Aber wir werden es nicht schaffen!“ „Wir müssen!“ „Ja, so sieht es wohl oder übel aus!“ – so drang es durch den Spalt. Eine Frauenstimme und eine Männerstimme hatten sich sorgenvoll abgewechselt. „Wir gehen rein!“, meinte Paul entschlossen und zu Nora gewandt: „Kommst du mit?“ „Klar!“, grinste Nora, doch ganz wohl war ihr dabei nicht. „Was geht hier vor?“, stürmte Paul an die Theke. Die Frau hinter dem Tresen heulte. Der Mann hatte sich gerade eine Flasche Bier vorgenommen. Als wenn es nichts Besonderes wäre, dass ein Pärchen spät abends eine Redaktion mit dieser Frage stürmt, antwortete der Mann gelassen: „Wir haben gerade einen Werbeauftrag für eine italienische Nudelsuppe vergeigt!“ „Fast!“, schluchzte die Frau dazwischen. „Die Beilage muss noch kopiert, gestanzt und gefaltet werden. Dann muss das Ganze noch in die neueste Tipp für den morgigen Verteiler!“ Der Mann ergänzte: „Und das werden wir nicht schaffen! Deshalb war gerade Herr Antoni von der Firma Mascarpone da und hat uns eine saftige Strafe angedroht, wenn es nicht klappt.“ „Und wir haben sogar schon das Geld ausgegeben, das durch den Auftrag reinkommen sollte.“ „Ach so!“, sagte Paul. „Wie viele Leute brauchen Sie denn?“, fragte Nora. „Wenn wir 6 Leute hätten – aber wo sollen wir die denn jetzt herkriegen?“, meinte die Frau mutlos. Paul hatte eine Idee: „Ich kenne da ein paar Leute, die sich gerne mal was dazu verdienen würden. Es sind Studenten der Fachhochschule. Rufen Sie diese Nummer an, dann haben Sie gleich eine ganze WG am Apparat. Sagen Sie, Paul hätte die Nummer weitergegeben. Dann wissen sie Bescheid!“ Die gekritzelte Nummer wanderte über den Tresen. „Komm, wir müssen weiter!“, entschloss Nora. „Finde ich cool, dass du ihnen geholfen hast. Kommt das oft in deinem Job vor? Ich meine, dass du jemandem hilfst?“ „Eigentlich schon! Du denkst wohl auch, dass ich nur mit einer Knarre durch die Gegend laufe und Verbrecher jage, was?“, grinste Paul während die beiden wieder hinaus schlurften. „Danke noch mal!“, kam es aus der Redaktion der Tipp.
Nora schaute auf die Uhr. „Irgendwie hatten die jedenfalls nichts mit deinem Mord zu tun!“, zwinkerte Paul.
„Was ist mit der Funkanlage? Wer benutzt hier in der Nähe eine Funkanlage?“, überlegte Nora laut. Paul schrieb eine SMS. Nachdem er fertig war schaute er Nora unverwandt an. Nora war auf Person X eifersüchtig und wusste nicht, worüber sie sich mehr ärgern sollte: über diese Person X oder darüber, dass sie sich ärgerte! Sie hatten sich auf eine kleine Mauer gesetzt, die den Park umschloss, vor dem sie sich gerade befanden.
„Denk ich an Funk, denke ich an Taxi, genauer an Taxizentrale!“, sprach Paul gedehnt, während er mit einem Zweig ein Herz in den Sand zeichnete. Nora fühlte einen Stich. Um sich abzulenken sprang sie auf und rief: „Dann auf zur Taxizentrale!“ Paul hakte sich bei Nora ein. „Aha“, dachte sie, „geht doch!“
Bei der Taxizentrale angekommen musterten sie die Umgebung. Eine Bushaltestelle, links im Hintergrund eine Parkbank zwischen zwei Bäumen, ein Mülleimer, rechts ein Kiosk, der noch geöffnet hatte, dann eine Straße und dahinter Häuser, die auch schon einmal bessere Zeiten erlebt hatten. „Ich finde, wir sollten uns erst mal auf der Parkbank niederlassen!“, meinte Paul. „Ok, geh schon mal vor. Ich muss noch eben zum Kiosk!“, erwiderte Nora. „Haben Sie hier in letzter Zeit etwas Merkwürdiges erlebt oder beobachtet?“, fragte Nora den Kioskverkäufer. Der kaute auf einem Zigarettenstummel herum: „Ne, sollte ich?“ Nora setzte nach: „Wurde hier ein großer schwerer Gegenstand durch die Gegend geschleppt, in einer Wolldecke vielleicht?“ Die Augen des Kioskverkäufers wurden immer größer. „Wenn ich jetzt ja sage, komme ich dann ins Fernsehen?“ Langsam wurde es für ihn interessant. „Nein, ich will nur einen Mord aufklären!“, maulte Nora trotzig. Verdeckte Ermittlung konnte man das ja nun nicht mehr nennen. „Ts, ts, ts! Wolln se auch noch was kaufen, oder was?” Langsam war der Kioskverkäufer genervt. „Heute habe ich leider keine Leiche im Angebot!“ Er prustete laut los, so dass er die Kippe auf den Boden spuckte. Angewidert machte Nora auf dem Absatz kehrt. „Na? Was rausgefunden?“, kicherte Paul.
Nora setzte sich schmollend mit Abstand neben Paul auf die Bank. Die ganze Nacht hindurch starrten sie auf die Taxizentrale, bis Nora endlich in Pauls Armen eingeschlafen war. Als sie aufwachte, hörte sie Vögel zwitschern wie verrückt und Paul hob sie sanft an den Schultern hoch. „Komm, ich bring dich nach Hause!“ Nora murmelte ihre Adresse und schlurfte verschlafen mit Paul in Richtung Heimat. „Also, die Taxizentrale war auch eine Niete!“, gähnte Nora. Paul drückte sie noch einmal kurz und sagte: „Wenn du willst, gehen wir morgen weiter auf Spurensuche!“ „Echt?“ Nora schloss das Tor zum Hinterhof auf. „Ich ruf dich dann an!“ Es blieben noch 3 Stunden Schlaf, Luna schaute noch nicht einmal aus ihrem Korb in der Küche auf. „Penn du mal weiter!“, flüsterte Nora.
Um 6 Uhr klingelte der Wecker und alles ging so seinen hektischen Gang. Leider fehlten Nora diverse Stunden Schlaf. Es war Freitag und ihr Lieblingstag, denn sie hatte in der Schule nur 2 Stunden. „Einige von euch müssen noch den Krimi abgeben!“, rief sie in die Klasse. „Wir wollen schließlich irgendwann fertig werden mit dem Buch!“, setzte sie mit einem strengen Blick hinzu. Es waren mal wieder die üblichen Trödler! Naja, und dann hatte es noch einige technische Pannen mit unlesbaren CDs gegeben. Aber das Projekt lief insgesamt ganz gut. Nora war mit sich und der Welt zufrieden.
Nachmittags machte sie erst einmal einen riesigen Spaziergang mit Luna. Die ganze Zeit gingen ihr Gedanken durch den Kopf. Was könnte dieses Piepen zu bedeuten haben. Wo wurde in ihrer Nähe Wartenden angezeigt, dass sie gleich dran waren? An der Wursttheke gab es ja nur Zettel, die man ziehen musste. Nora schüttelte sic bei der Vorstellung von einem Mord hinter der Wursttheke...
Ihr fiel noch die bekannte schwedische Möbelkette ein. Die lag jedoch ziemlich weit weg in einem anderen Stadtteil. Sie hatte einmal an der Warenausgabe über eine Stunde gewartet – ach ja, das waren damals die 8 Stühle gewesen. Nora schmunzelte. In ihrem ipod lief gerade Lounge Musik. Irgendwann merkte Nora, dass die ganze Zeit schon ein Auto im Schritttempo neben ihr her gefahren sein musste. Das Fenster war herunter gekurbelt und es war metallicsilbern und grün. „Hi, Nora!“, grinste Paul von einem Ohr zum anderen. „Schon wieder bei der Ermittlungsarbeit?“ Nora legte den Kopf schief. „Ich habe übrigens heute eine Leiche gesehen. Sie wurde ebenfalls erdrosselt und dann zerfleischt – genau wie du es erzählt hast.“ „Es gibt eine weitere Leiche?“, schrie Nora, bis sie bemerkte, dass einige andere Passanten schon herüber starrten. Nora sah auf dem Beifahrersitz den Kollegen, den sie schon auf dem Revier kennen gelernt hatte. Er beugte sich vor und hielt den Zeigefinger an den Mund: „Pssssst!“ Der Typ konnte echt nerven. Nora stampfte weiter. „Bis später!“, flötete Paul und fuhr nun rechts ab. Ein paar Minuten später surrte Noras Handy und sie hatte eine SMS: „Sei nicht sauer! Ich erzähl dir alles wichtigen Details später! – Paul“
Um 18 Uhr wartete Nora bereits mit Luna in der Eisdiele Manfredo. Luna lag hinter dem Blumenkasten. Marcello hatte ihr mal wieder eine Waffel spendiert und jetzt knabberte sie genüsslich daran herum. Jeder andere Hund hätte dafür einen Bruchteil einer Sekunde gebraucht...
Paul kam etwas gehetzt herein. „Es gibt sogar schon eine dritte Leiche!“, raunte er Nora zu, gab ihr einen flüchtigen Kuss auf die Stirn und ließ sich auf einen Stuhl fallen. Nora war total ungeduldig. „Was? Erzähl!“ „Ich habe sogar gehört, dass morgen wieder eine Leiche auf die gleiche Weise auftauchen soll. Übrigens: Die Spuren lösen sich auf. Es ist wie verrückt.“ „Muss ich eigentlich gar nicht aussagen?“ Die Frage hatte Nora schon die ganze Zeit bedrückt. „Ich schätze schon. Vielleicht solltest du morgen mit mir zusammen hingehen!“, meinte Paul. Er rückte mit seinem Stuhl nahe an den von Nora heran. „Du, Nora?“ Er wollte sie gerade küssen, als Nora plötzlich motzte: „Sag mal! Hier hagelt es Leichen, ich habe einen Mord live miterlebt, äh gehört und du denkst nur an das Eine?“ Sie war empört.
„Bleib mal locker!“, meckerte Paul und grinste blöd. „Ich glaub, ich geh dann lieber mal. Ich hole dich morgen ab, um 16 Uhr, ok?“ „OK!“, schmollte Nora.
Am nächsten Tag war Nora sehr aufgeregt. Luna musste zu Hause bleiben, denn heute würde sie schließlich ihre Aussage machen. Sie hatte sich gut darauf vorbereitet und alles noch einmal schriftlich festgehalten. Hoffentlich gab es keinen Ärger. Paul klingelte und Luna sprang begeistert an ihm hoch. Nora seufzte. Sie war noch immer etwas sauer. Paul nahm sie trotzdem in den Arm und ab gings zum Revier. Schweigend liefen sie nebeneinander her. „Egal, was passiert! Ich bin froh, dass du den Mord live miterlebt, äh gehört hast!“, flötete Paul. Sie gingen die 3 Treppen hoch und kamen schließlich vor Zimmer 301 an. „Warte einen Augenblick!“, sagte Paul. Er nahm sein Funkgerät aus seiner Tasche. Er stellte es an und man hörte ein gleichmäßiges Surren. Plötzlich rauschte es nur noch, dann ein Knacken, ein Quietschen „20-0-4-Einsatzzentrale-20-0-4“. Nora stockte der Atem. „Ja, Ja! Ich –krrrrrrrrrr- ich werde es tun. Ich werde dafür sorgen, dass du eines –krrrrrrrrrrrrrrrr-qualvollen Todes sterben krrrrrrrrrrrrrrr wirst!“ Nora wurde ganz weiß im Gesicht. „Krrrrrrrrrrrrr – ja, genau so! So habe ich es mir vorgestellt!!!! – Krrrrrrrrrrrrrr – Hahahahaha! Stirb! Du elende Kreatur!“ Nun ertönte ein gequältes Röcheln, ein Husten, plötzlich erstarb alles Leben in der Leitung. Man hörte wieder das Surren. Paul stellte sein Funkgerät ab. Nora konnte es nicht fassen. Es war genauso wie beim letzten Mal!
„Lass uns rein gehen!“, sprach Paul zu ihr. Es kam wie durch einen Nebelschleier.
„Darf ich vorstellen: Malte Janssen, mein Kollege!“ Das Funkgerät lag neben einem Blumentopf auf der Fensterbank. Nora schüttelte ihm wie in Trance die Hand. Malte sagte augenzwinkernd: „Meine süße Dionaea muscipula – auch Venusfliegenfalle genannt, sie hat gerade mal wieder genüsslich gemordet. Die nächsten Fliegen holst du aber, Paul!“ "Er kommentiert auch jedes Fußballspiel", seufzte Paul.
Nora schaute ihn vorwurfsvoll an. Sie konnte es nicht fassen.
Plötzlich klopfte es. Ein wütender Polizist steckte den Kopf durch die Tür. „Leute, macht euer Mist-Funkgerät aus! Ihr kriegt noch mal richtig Ärger!“ Nora musste prusten. „Und, biste jetzt auch froh, dass du den Mord live...“ Paul konnte nicht aussprechen. Nora hatte ihn einfach geküsst. „Ich glaub, ich muss mal was kopieren!“, hörte Nora noch. Paul und Nora riefen lachend: "Wir gehen schon!". Schließlich mussten die Hunde auch mal raus. „Ich finde deine neue Frisur übrigens echt cool!“, sagte Paul im Gehen. „Wieso? Haben wir uns irgendwo schon einmal gesehen?“, fragte Nora. „Du mich vielleicht nicht, aber ich dich: im Park.“ „Echt?“ „Echt!“ Na ja und so ging es immer weiter.
Nora dachte für sich: „Ich muss mich noch mal bei Dagmar bedanken. Vielleicht schenke ich ihr einfach das Buch.“
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